100 Absagen und doch KfZ-Technikmeisterin

Erstmal möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin eine mittlerweile 30-jährige Kfz-Technikermeisterin aus München, die ihr Hobby und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Das geht soweit, dass ich einen kleine Sammlung von sieben Fahrzeugen und einem Motorrad besitze: Young-/Oldtimer versteht sich 🙂

Nach der Ausbildung bei einer BMW-Vertragswerkstatt – die ich wegen deren Insolvenz in einer freien Werkstatt beendete – war ich hauptsächlich in verschiedenen freien Werkstätten unterwegs. Unter anderem durfte ich drei Jahre in zwei verschiedenen Firmen an US-Cars schrauben und Erfahrungen sammeln. Seit über drei Jahren arbeite ich in der Fahrzeug-Entwicklung, aber nicht in einer Meisterposition.

Durch das Hobbyschrauben von meinem Vater wandelte sich mein Blut immer mehr in Benzin und ab meinem 12.Lebensjahr stand fest, dass ich etwas mit Autos oder Motorräder machen wollte. Wenn er an seinem Motorrad oder an dem FamilienCoupe schraubte, war ich immer dabei. Und schon als kleines Kind fuhr ich auf dem Motorrad mit, welches ich heute selber fahre. 
 

Aber selbst nach vielen Praktika, qualifizierendem Hauptschulabschluss und mittlerer Reife erschien es fast unmöglich an einen Ausbildungsplatz im KfZ-Bereich zu kommen. Bei den Praktika im Pkw-Bereich mussten sich die Mitarbeiter und Chefs teilweise vor Kunden rechtfertigen, denn laut deren Meinung ist die Arbeit als Kfz-Mechatroniker für ein junges Mädchen zu schwer. Im Motorradbereich hatte ich noch weniger Chancen, denn ich könne die schweren Maschinen schließlich nicht oder nur mit Mühe auf die Bühnen schieben.

In der Bewerbungsphase wurde ich sogar bei persönlicher Abgabe der Unterlagen abgewiesen, ohne dass diese begutachtet wurden. In meiner Schulklasse wurde ein Mitschüler, der sich bei der gleichen Firma beworben hatte, trotz schlechterem Zeugnis mir vorgezogen. Es gab sogar Lehrer und Verwandte, die mich entmutigten und meinten, ich solle mich doch lieber anderweitig bewerben. Trotzdem gab ich nicht auf! Auch nicht nach über 100 Bewerbungen und keiner einzigen Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Durch einen dummen Zufall bei einem Praktikum gelang es mir endlich, eine ersehnte Lehrstelle zu ergattern. Ein Bekannter des Werkstattleiters, der zufällig Ausbilder bei BMW war, kam zu Besuch und vermittelte mir einen Ausbildungsplatz.

Es gab durchaus Kollegen die der Meinung waren, für Frauen ist das nichts, die ich aber überzeugen konnte, indem ich einfach mal schnell bei einem SUV die schweren Räder wechselte. Das stellte vielleicht am Anfang Probleme da in Form von Muskelkater oder dass man sich manchmal übernimmt, aber schnell lernt man wie es besser geht. Zum Beispiel durch Hebetechnik oder Hebelweg wenn eine Schraube nicht aufgeht.
Und wenn jemand kleine Finger gebraucht hat bei engen Stellen im Motorraum wurde meist ich gefragt.

Dass dieser Berufsweg als Frau nicht einfach wird, war mir von Anfang an klar. Dass brachte mich aber nicht von meinem Vorhaben ab, schließlich war und ist es mein Traumberuf. Bei den Innungskursen kam es dann schon mal vor, dass ich die Jungs mit Stiften oder dergleichen bewarf, wenn sie meinten dumme Sprüche zu klopfen oder mich ärgern zu müssen. Die Lehrer meinten zu den Jungs dann nur „selber schuld“ und sie sollten es lieber lassen, bevor ich noch andere Sachen zum werfen finde 🙂 Die Unterstützung der Ausbilder war auf jeden Fall da und die Jungs haben gelernt, dass ich mir nichts gefallen lasse, machmal eben auf die harte Tour.

Schlimmer fand ichs eher in der Berufsschule, vor allem im letzten Jahr. Man muss dazu sagen, dass ich jedes Jahr in eine andere Klasse kam. Am Anfang war ich zwar nicht die einzige Frau, in den letzten zwei Jahren dann aber schon. In einigen Klassen gab es eine Hand voll Mädels, in anderen nun mal nicht. Generell kann man sagen, dass der Frauenanteil im Kfz Gewerbe wirklich sehr sehr gering ist. Die meisten Mädels studieren nach der Ausbildung und sind dann nicht mehr in der Werkstatt anzutreffen. Vielleicht liegt das aber auch an dem rauhen Klima, den Vorurteilen, dass man meist „dreckig“ ist oder der niedrigen Bezahlung. Ich weiß es nicht. 

 

Die Lehrer haben es in meiner ganzen Lehrzeit nicht geschafft, bei der Anwesenheitsliste mich mit FRAU anzusprechen. Sie wunderten sich wenn sich niemand bei HERR Dittmar meldetet oder einen Laut von sich gab. Das war nicht schlimm, aber hat mich genervt. Die Lehrer hätten sich ja das FRAU einfach markieren können und vor allem bei nur einer einzigen Frau in der Klasse sollte man das schon auf die Reihe kriegen. Es gab auch Lehrerinnen, aber nur in sozialen Fächern. Sie übernahmen somit nicht die Klassenleitung, zumindest nicht, dass ich wüsste.

Schlimm wurde es wie oben erwähnt in der letzten Klasse, also kurz vor der Gesellenprüfung. Da fielen beim aufräumen im Klassenzimmer Sprüche wie „hier nimm den Besen, du bist schließlich ne Frau“. Der musste aber dann alleine das Klassenzimmer putzen, während alle anderen gehen durften, weil das mein Klassenlehrer mitbekommen hat.
Ein halbes Jahr vor der Abschlussprüfung wollte ich auch hinschmeißen, weil es einfach nervt sich immer wieder beweisen und durchsetzten zu müssen, doch ich habe die Zähne zusammen gebissen und weiter gemacht. Woher genau ich meine Motivation genommen habe weiß ich nicht, ich bin einfach zielstrebig und eine Kämpferin.

Leider muss ich das selbst als Kfz-Technikermeisterin noch sein. Ich habe die Meisterschule als einzigste Frau mit über 50 Männern besucht – traurig aber wahr. Ich dachte immer nach der Ausbildung wird es leichter: weit gefehlt. Dann dachte ich nach dem Meister wird es leichter, aber auch das war falsch. Am eigenen Leib musste ich erfahren, was Mobbing und Sexismus bedeuten: dumme Sprüche, Witze, Lügen und das klassische Rollenbild, an dem viele noch festhalten. Es gab sogar Kunden, die nicht wollten, dass ihr Auto durch eine Frau repariert wird. Es gab aber auch Kunden, vor allem Frauen, die das Klasse fanden was ich mache und mir Mut gaben. Ebenso wie ich mit den meisten Kollegen eigentlich gut ausgekommen bin. Viele fanden es auch super und waren baff, wenn sie mich bei meiner Arbeit beobachteten.

Es heißt, als Frau in einer Männerdomäne muss man über 100% geben, doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: das ist egal. Ich habe immer versucht mehr zu leisten als andere und einfach nur einen guten Job zu machen – was mir leicht fiel, da ich ihn gern mache – und mich weiterzubilden um einfach zu zeigen, dass ich es ernst meine. Man kann sich auf die Hinterbeine stellen – entweder wird man akzeptiert oder nicht. Bei manchen ist es auch vielleicht der Neid, ich weiß es nicht.

Mein Wunsch wäre, dass nicht das Geschlecht entscheidend ist, sondern die erbrachte Leistung! Wir sind im 21. Jhd und noch weit entfernt von Gleichberechtigung, auch wenn uns die Gesellschaft etwas anderes erzählen will.

Liebe Auszubildenden, gebt nicht auf!
Liebe Eltern, unterstützt den Berufswunsch eurer Kinder, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass das nicht der „leichte Weg“ ist!
Liebe Gesellschaft, halt nicht weiter an Rollenbilder fest, versuch diese aus der Welt zu schaffen!

Aufklärung und Unterstützung ist die Devise!

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