Sexismus in der Handwerksausbildung

Seit wir angefangen haben uns mit der Broschüre zu beschäftigen, möchten wir gerne eine Plattform aufbauen, auf der sich Frauen* über Sexismus auf dem Bau und die Anstrengungen dagegen austauschen können. Da wir in der Gruppe fast nur CIS*-Männer sind, haben wir nach Frauen* gesucht, die bereit sind über das Thema zu schreiben. Unsere Anstrengungen waren nun erfolgreich. Und wir haben den ersten Erfahrungbericht veröffentlicht. Hier gehts zum Erfahrungsbericht! Gerne nehemn wir aber noch weiter Erfahrungsberichte entgegen.
Außerdem dokumentieren wir unten unsere Anfrage (damals noch mit anderen Gruppennamen) an das Bauhandwerkerinnentreffen zum Thema und den Text einer Tischlerin, der vor einigen Jahren in dem Magazin „Outside the box“ erschien:

Liebe Genoss*innen vom Bauhandwerker*innen-Treffen,

wir, das Kollektiv HikHak, arbeiten nun schon seit etlichen Jahren an der Erstellung einer Website, in der es um das Empowerment von Auszubildenden im Bauhandwerk geht. Unsere Website ist thematisch in zwei Teile getrennt.

Im ersten Teil geben wir Tipps, wie am besten mit den neuen Situationen in der Ausbildung umgegangen werden kann. Dabei beziehen wir uns auf eigene Erfahrungen und auf Berichte von anderen Auszubildenden.  Wir wollen parteiisch im Sinne der Auszubildenden Erfahrungen aus Kämpfen in der Ausbildung sammeln, Rechte verständlich dokumentieren und beschreiben, wie Auszubildende diese durchsetzen konnten. Aber auch eigene Herangehensweisen an die Ausbildung schildern (z.B.Krankmachen, wenn alles zu viel ist, Durchhaltegedanken etc.).
Im zweiten Teil der Broschüre soll es um eine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung gehen: in welchem gesellschaftlichen Kontext arbeiten wir, wie können wir diesen eventuell verändern, was heisst es für das Kapital anderer zu arbeiten, aber auch welche Perspektiven gibt es nach der Ausbildung abseits der Lohnarbeit.

Je nach Kapazität und Lust sollen auch Themen, wie alternative Fähigkeitenvermittlung, Kollektivbetriebe, etc. behandelt werden. Wir verstehen die „Broschüre“ als eine ständig dynamische Website und lassen uns bei weiteren Themen Zeit und Raum.

Nun der Grund unseres Schreibens: Da unsere Gruppe sehr homogen ist und fast nur aus cis-Männern besteht, suchen wir Menschen mit einem anderem Background, die sich vorstellen können über Themen, wie Sexismus auf dem Bau, Behauptung im Betrieb, … zu schreiben.

Solltet ihr interessiert sein und wollt unser Projekt supporten, sei es durch Erfahrungsberichte, Texte, Gedichte, Illustrationen oder eine aktive Mitarbeit bei der Gruppe, würden wir uns freuen, wenn ihr euch bei uns meldet. Da wir unsere Broschüre online stellen wollen, reichen unsere Aufgabenbereiche weit über die bloße Produktion von Texten hinaus und auch da können wir Hilfe sehr gebrauchen. Konkret suchen wir nach Menschen, die bereit wären einen Aufruf zu verfassen, der um Erfahrungsberichte, etwa zum Thema „Sexismus in der Bauausbildung und was wir dagegen gemacht haben“ bittet. Auf Grundlage dieser Berichte soll dann ein Text (gerne mit Support von uns) entstehen, der Frauen* in der Bauausbildung und allgemein auf dem Bau empowert und auch im Rahmen unseres Projekts veröffentlicht wird.

Okay, also meldet euch bitte, wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt oder schickt uns auch gerne einfach Texte an: handwerk@riseup.net

Solidarische Grüße und viel Erfolg für euer Treffen,

Gruppe HikHak

Text aus der „Outside the box“ ! Mehr Texte und Analysen hier

Katharina, 31, hat mit 27 ihre Ausbildung angefangen und arbeitet seit kurzem als selbstständige Tischlerin. Hat ein abgeschlossenes Studium in Kulturwissenschaften.

Ich bin da so ein bisschen blauäugig reingegangen. Wenn ich mehr darüber nachgedacht hätte, was mich erwarten könnte, hätte ich die Ausbildung vielleicht gar nicht angefangen, wer weiß. Ich habe zeitweise in einer betriebsübergreifenden Ausbildungsstätte gelernt, da kommen eigentlich die Leute hin, die keinen Ausbildungsbetrieb gefunden haben. Das ist dann ein Haufen bunt zusammengewürfelter 16- bis 20jähriger, zumeist männlicher Jugendlicher, von denen viele auch vom Amt dorthin gezwungen worden sind. Da herrscht ein krasser Umgangston, ein krasses Klima.

Ich hatte schnell einen Exotenstatus: war mit Abstand die Älteste, eine Frau, studiert, lesbisch, mit einem russischen Nachnamen. Dass ich meistens allein war, hatte aber auch viel damit zu tun, dass ich einfach kein Interesse an denen hatte, an deren Gesprächsthemen. Ich hab mich dann in der Mittagspause nicht dorthin gestellt, wo alle rauchen, sondern lieber mein Buch gelesen. Wenn man sich auf den Tonfall, der dort herrscht, einlässt, dann kann man da auch als Frau Anschluss finden. Wichtiger ist die gemeinsame Sicht der Dinge. Aber ich hatte eben nicht viel mit denen gemeinsam.

So eine Ausbildung ist für jeden eine harte Angelegenheit. Du bist immer der Arsch, du kannst nix, hast Angst, wirst unter Druck gesetzt von den Eltern, dem Meister, dem Arbeitsamt. Jugendliche müsse man treten, denn die seien faul, doof und ständig am Komasaufen – das ist die allgemeine Ansicht, die da herrscht. Und das bestätigt sich dann natürlich auch immer wieder. Einmal hieß es morgens, der Soundso hat sich umgebracht – und da wurde dann ganz normal weiter gearbeitet, als wäre nichts gewesen. Das ist in den drei Jahren meiner Ausbildung zweimal passiert.

Direkte Anfeindungen habe ich wenig erlebt. Aber wie die so reden über Frauen, vor deinen Augen und Ohren, das hat mich schon erschreckt. Das ist eigentlich das Ekelhafteste.

Ich bin viel gefördert worden. Wenn die merken, dass man ehrgeizig ist, dass man wirklich was lernen will, dann bekommt man auch Unterstützung. Mir wurden Aufgaben übertragen, da haben andere nur von träumen können. Und trotzdem habe ich mir von dem gleichen Meister, der mich so gefördert hat, mehrmals anhören müssen: Du hast als Frau doch eh keine Chance. Manche Meister haben keine Lust, mit Frauen zu arbeiten, weil man bei denen mehr mit anpacken muss. Ich hab das schon beobachtet, dass selbst die Jungs, die nicht viel größer und breiter waren als ich, mehr Kraft hatten. Ich kann nicht dauernd Fenster heben, die 180 Kilo wiegen, ich frage dann eben um Hilfe. Aber auch bei Männern ist nach 20 Jahren der Rücken kaputt. Viele arbeiten nur bis 50 ausführend in diesem Beruf.

Es gibt zu wenige Frauen, die Meisterin sind und ausbilden können. Letztlich funktioniert das wie in der Musikbranche: Die Typen buchen Typen, weil sie mit denen einfach gerne rumhängen, weil die Gesprächsthemen stimmen oder sie eh Kumpels sind. Das sind Netzwerke, und so läuft das auch im Handwerk. Viele Frauen ziehen sich nach der Ausbildung eher in Nischen zurück, machen sich selbstständig. Dadurch haben Mädchen – und auch Jungs – kaum die Chance, bei einer Frau zu lernen.

Für den einen war ich immer nur „das Fräulein“ und der hat mich auch nie anders angesprochen. Den Spruch „Für ein Mädchen gar nicht so schlecht“ habe ich aber nie zu hören bekommen. Vielleicht sind Frauen, die so eine Ausbildung machen, auch einfach ehrgeiziger – wir waren jedenfalls alle ziemlich gut. Auch die Jahrgangsbeste war eine Frau, und die hat mich irgendwann mal gefragt: „Sag mal, fühlst du dich eigentlich diskriminiert? Also ich gar nicht.“ Da dachte ich schon, okay, das ist auch eine Art Selbstschutz, diesen Sexismus, der da natürlich herrschte, nicht an sich ran zu lassen. Bestimmte Dinge einfach gar nicht als Sexismus oder Diskriminierung wahrzunehmen. Schließlich will man arbeiten, will mit den Leuten, mit denen man einen großen Teil seines Lebens verbringt, einigermaßen gut klarkommen und denen nicht dauernd den Spaß verderben, indem man ihnen Kontra gibt.

Aber natürlich muss man das ab und zu mal machen. In meinem Betrieb, der eigentlich ein eher netter, alternativer Betrieb ist, haben sich die Leute eine Zeit lang zum Spaß gegenseitig „Muschi“ genannt. Ich hab ihnen dann versucht klarzumachen, dass dieses Wort, wenn sie es als Schimpfwort benutzen, mit Schwäche konnotiert ist und dass ich das Scheiße finde. Seitdem haben sie zumindest vor mir damit aufgehört.

Ich habe schon gemerkt, dass ich mich verändert habe durch diese Arbeit. Man lernt andere mundtot zu machen durch den richtigen Spruch zur richtigen Zeit. Du musst dir nur abgucken, wie die so miteinander reden, musst die Schwächen der anderen Person rausfinden, und genau da dann einen Spruch reindrücken. Klar, das hat mir schon auch mal Leid getan, wenn ich gemerkt habe, dass ich damit jemanden wirklich verletzt habe. Aber ich muss mir den Scheiß, den die so reden, ja auch anhören. Obwohl: man kann auch im Werkraum Lärmschutzkopfhörer tragen. Wenn man in ein geschlossenes System reinkommt, dann passt man sich dem in einem gewissen Maße an, egal, wie sehr man darüber reflektiert, egal, wie kritisch man das sieht. Man wird härter mit sich und mit anderen.

Erfahrungsberichte

100 Absagen und doch KfZ-Technikmeisterin

Erstmal möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin eine mittlerweile 30-jährige Kfz-Technikermeisterin aus München, die ihr Hobby und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Das geht soweit, dass ich einen kleine Sammlung von sieben Fahrzeugen und einem Motorrad besitze: Young-/Oldtimer versteht sich :)

Nach der Ausbildung bei einer BMW-Vertragswerkstatt - die ich wegen deren Insolvenz in einer freien Werkstatt beendete - war ich hauptsächlich in verschiedenen freien Werkstätten unterwegs. Unter anderem durfte ich drei Jahre in zwei verschiedenen Firmen an US-Cars schrauben und Erfahrungen sammeln. Seit über drei Jahren arbeite ich in der Fahrzeug-Entwicklung, aber nicht in einer Meisterposition.

Durch das Hobbyschrauben von meinem Vater wandelte sich mein Blut immer mehr in Benzin und ab meinem 12.Lebensjahr stand fest, dass ich etwas mit Autos oder Motorräder machen wollte. Wenn er an seinem Motorrad oder an dem FamilienCoupe schraubte, war ich immer dabei. Und schon als kleines Kind fuhr ich auf dem Motorrad mit, welches ich heute selber fahre.

Aber selbst nach vielen Praktika, qualifizierendem Hauptschulabschluss und mittlerer Reife erschien es fast unmöglich an einen Ausbildungsplatz im KfZ-Bereich zu kommen. Bei den Praktika im Pkw-Bereich mussten sich die Mitarbeiter und Chefs teilweise vor Kunden rechtfertigen, denn laut deren Meinung ist die Arbeit als Kfz-Mechatroniker für ein junges Mädchen zu schwer. Im Motorradbereich hatte ich noch weniger Chancen, denn ich könne die schweren Maschinen schließlich nicht oder nur mit Mühe auf die Bühnen schieben.

In der Bewerbungsphase wurde ich sogar bei persönlicher Abgabe der Unterlagen abgewiesen, ohne dass diese begutachtet wurden. In meiner Schulklasse wurde ein Mitschüler, der sich bei der gleichen Firma beworben hatte, trotz schlechterem Zeugnis mir vorgezogen. Es gab sogar Lehrer und Verwandte, die mich entmutigten und meinten, ich solle mich doch lieber anderweitig bewerben. Trotzdem gab ich nicht auf! Auch nicht nach über 100 Bewerbungen und keiner einzigen Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Durch einen dummen Zufall bei einem Praktikum gelang es mir endlich, eine ersehnte Lehrstelle zu ergattern. Ein Bekannter des Werkstattleiters, der zufällig Ausbilder bei BMW war, kam zu Besuch und vermittelte mir einen Ausbildungsplatz.

Es gab durchaus Kollegen die der Meinung waren, für Frauen ist das nichts, die ich aber überzeugen konnte, indem ich einfach mal schnell bei einem SUV die schweren Räder wechselte. Das stellte vielleicht am Anfang Probleme da in Form von Muskelkater oder dass man sich manchmal übernimmt, aber schnell lernt man wie es besser geht. Zum Beispiel durch Hebetechnik oder Hebelweg wenn eine Schraube nicht aufgeht. Und wenn jemand kleine Finger gebraucht hat bei engen Stellen im Motorraum wurde meist ich gefragt.

Dass dieser Berufsweg als Frau nicht einfach wird, war mir von Anfang an klar. Dass brachte mich aber nicht von meinem Vorhaben ab, schließlich war und ist es mein Traumberuf. Bei den Innungskursen kam es dann schon mal vor, dass ich die Jungs mit Stiften oder dergleichen bewarf, wenn sie meinten dumme Sprüche zu klopfen oder mich ärgern zu müssen. Die Lehrer meinten zu den Jungs dann nur "selber schuld" und sie sollten es lieber lassen, bevor ich noch andere Sachen zum werfen finde :) Die Unterstützung der Ausbilder war auf jeden Fall da und die Jungs haben gelernt, dass ich mir nichts gefallen lasse, machmal eben auf die harte Tour.

Schlimmer fand ichs eher in der Berufsschule, vor allem im letzten Jahr. Man muss dazu sagen, dass ich jedes Jahr in eine andere Klasse kam. Am Anfang war ich zwar nicht die einzige Frau, in den letzten zwei Jahren dann aber schon. In einigen Klassen gab es eine Hand voll Mädels, in anderen nun mal nicht. Generell kann man sagen, dass der Frauenanteil im Kfz Gewerbe wirklich sehr sehr gering ist. Die meisten Mädels studieren nach der Ausbildung und sind dann nicht mehr in der Werkstatt anzutreffen. Vielleicht liegt das aber auch an dem rauhen Klima, den Vorurteilen, dass man meist "dreckig" ist oder der niedrigen Bezahlung. Ich weiß es nicht.

Die Lehrer haben es in meiner ganzen Lehrzeit nicht geschafft, bei der Anwesenheitsliste mich mit FRAU anzusprechen. Sie wunderten sich wenn sich niemand bei HERR Dittmar meldetet oder einen Laut von sich gab. Das war nicht schlimm, aber hat mich genervt. Die Lehrer hätten sich ja das FRAU einfach markieren können und vor allem bei nur einer einzigen Frau in der Klasse sollte man das schon auf die Reihe kriegen. Es gab auch Lehrerinnen, aber nur in sozialen Fächern. Sie übernahmen somit nicht die Klassenleitung, zumindest nicht, dass ich wüsste.

Schlimm wurde es wie oben erwähnt in der letzten Klasse, also kurz vor der Gesellenprüfung. Da fielen beim aufräumen im Klassenzimmer Sprüche wie "hier nimm den Besen, du bist schließlich ne Frau". Der musste aber dann alleine das Klassenzimmer putzen, während alle anderen gehen durften, weil das mein Klassenlehrer mitbekommen hat. Ein halbes Jahr vor der Abschlussprüfung wollte ich auch hinschmeißen, weil es einfach nervt sich immer wieder beweisen und durchsetzten zu müssen, doch ich habe die Zähne zusammen gebissen und weiter gemacht. Woher genau ich meine Motivation genommen habe weiß ich nicht, ich bin einfach zielstrebig und eine Kämpferin.

Leider muss ich das selbst als Kfz-Technikermeisterin noch sein. Ich habe die Meisterschule als einzigste Frau mit über 50 Männern besucht - traurig aber wahr. Ich dachte immer nach der Ausbildung wird es leichter: weit gefehlt. Dann dachte ich nach dem Meister wird es leichter, aber auch das war falsch. Am eigenen Leib musste ich erfahren, was Mobbing und Sexismus bedeuten: dumme Sprüche, Witze, Lügen und das klassische Rollenbild, an dem viele noch festhalten. Es gab sogar Kunden, die nicht wollten, dass ihr Auto durch eine Frau repariert wird. Es gab aber auch Kunden, vor allem Frauen, die das Klasse fanden was ich mache und mir Mut gaben. Ebenso wie ich mit den meisten Kollegen eigentlich gut ausgekommen bin. Viele fanden es auch super und waren baff, wenn sie mich bei meiner Arbeit beobachteten.

Es heißt, als Frau in einer Männerdomäne muss man über 100% geben, doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: das ist egal. Ich habe immer versucht mehr zu leisten als andere und einfach nur einen guten Job zu machen - was mir leicht fiel, da ich ihn gern mache - und mich weiterzubilden um einfach zu zeigen, dass ich es ernst meine. Man kann sich auf die Hinterbeine stellen - entweder wird man akzeptiert oder nicht. Bei manchen ist es auch vielleicht der Neid, ich weiß es nicht.

Mein Wunsch wäre, dass nicht das Geschlecht entscheidend ist, sondern die erbrachte Leistung! Wir sind im 21. Jhd und noch weit entfernt von Gleichberechtigung, auch wenn uns die Gesellschaft etwas anderes erzählen will. Liebe Auszubildenden, gebt nicht auf! Liebe Eltern, unterstützt den Berufswunsch eurer Kinder, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass das nicht der "leichte Weg" ist! Liebe Gesellschaft, halt nicht weiter an Rollenbilder fest, versuch diese aus der Welt zu schaffen!

Aufklärung und Unterstützung ist die Devise!

Das Handwerk, der Sexismus und Ich

Entweder braucht mein ein dickes Fell oder einen ziemlich schrägen Sinn für Humor. Das ist ein wichtiger Punkt, den ich ziemlich schnell auf dem Bau lernen musste.

Ich, ganz offensichtlich weiblich, 25 Jahre, lerne nun in meiner zweiten Ausbildung das Handwerk des Zimmermanns. Besser gesagt: Das Handwerk der Zimmerin.

In meiner ersten Ausbildung lernte ich Tischlerin. Da mir aber auf Dauer das ständige Arbeiten in der Werkstatt nichts war und ich aber trotzdem den Werkstoff Holz nicht missen wollte, wurde für mich der Beruf der Zimmerin immer interessanter. So entschied ich mich diesen Beruf zu erlernen und bereue diese Entscheidung keinen Tag. Zu meinem Glück wurde ich auch einem Meister zugeteilt, welcher jeden Auszubildenden als eigenes Individuum beurteilt und ihn auch nach seinen Fähigkeiten einteilt und dies zimlich unabhängig vom Geschlecht. Meine Stärken sind nun mal nicht, stundenlang Platten von A nach B zu tragen, sondern kleinere Arbeiten sorgfältig, fachlich korrekt und mit grosser Verantwortung auszuführen. Was ich nicht in den Armen habe, mache ich irgendwie mit meinem Köpfchen und meinem Feingefühl wet.

Ich kam zudem in eine Klasse, welche sehr bunt ist. Sexismus oder Rassismus gibt es kaum bei uns. Viele Jungs waren sogar froh, dass noch ein zweites Mädchen in ihre Klasse dazukam. Gemischte Gruppen sind nunmal einfach ausgewogener und friedlicher. Zu Anfang gab es schon die ein oder anderen altbekannten Sprüche oder auch herabwürdigenden Wortlaute, welche so nebenbei gesagt wurden. (z.B.: „du Schwuchtel“ oder „Sei keine Pussy!“) Doch ich bin ein Mensch, welcher sehr schnell seine Mitmenschen aufmerksam macht darauf, wie gesagtes wirken kann. Ich führte scherzhaft die „Sexismus-Polizei“ ein. Zu jeder Pause im Bauwagen schlug ich bei jedem noch so kleinen sexistischen Spruch Alarm. Nach einiger Zeit verschwanden die Sprüche und die Jungs auf meiner Baustelle fingen sogar an, sich untereinander auf ihre Wortlaute aufmerksam zu machen. Nie hätte ich gedacht, dass dies so eine nachhaltige Wirkung hat. Ich meine, ich habe nichts weiter getan, als die Jungs humorvoll aufmerksam und ihnen bewusst zu machen, wie sie ihre Worte verwenden. Viele meiner Klassenkameraden waren auch der Meinung, dass nur weil es schon immer so auf dem Bau lief, muss es noch lange nicht bedeuten, dass dies auch so weitergetragen werden muss. Muss es nämlich keinesfalls. Und darf es meiner Meinung nach auch nicht.

Als Frau hat man irgendwie auch immer wieder das Problem, sich erst mal beweisen zu müssen. Irgendwie diesen „Nachteil“,eine Frau zu sein, auszugleichen. Wenn eine Arbeit mal nicht sachgemäß ausgeführt ist oder es dem Meister wiedermal zu langsam voran geht, wird einem oft genau dieser „Nachteil“ vorgehalten. Man fühlt sich ständig in der Pflicht genau so gut, wenn nicht sogar besser als seine männlichen Kollegen zu arbeiten, um Anerkennung zu bekommen. Bei vielen Kommentaren, welche ich abkriege, stelle ich mir auch die Frage: „Hätte ich auch diese Art der Kritik erhalten, wenn ich ein Junge wäre?“ Wohl kaum. Da es oft Sprüche und Sätze sind, die nun mal tatsächlicher Umgangston zu sein scheinen. Wortlaute die man wohl in seiner Ausbildung als junger Mann mit angelernt bekommt. Der altbekannte „Ton auf dem Bau“, bei dem viele Handwerker sagen: „Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Ist nun mal so.“ „Okay...“ , dachte ich mir, „Wenn die Sprüche klopfen wollen, mach ich das nun auch.“ Denn was viele nicht erwarten ist, dass sie Gegenwind bekommen. Und das von einem Mädchen auf der Baustelle. Sehr zur Unterhaltung meinerseits. Als Beispiel: Wenn mir ein Mann Vortritt bei einer Tür gewähren will, entgegne ich oft: „Nein, bitte Sie zuerst. Alter vor Schönheit.“ Durch meine Schnauze, die immer mehr gewachsen war durch den täglichen Umgang, verstummten bald die Kommentare. Und ehrlich gesagt: Den Kopf einzuziehen war auch noch nie eine Alternative für mich.

Zu wirklichen Auseinandersetzungen kam es nie wirklich, bis zur letzten Weihnachtsfeier. Bei der Feier, bei welcher man eigentlich gemütlich zusammen das Arbeitsjahr ausklingen lassen will und sich auf den Urlaub freut, wurde ich mehrfach sexistisch angegriffen und dies ohne klaren Vorwand und ohne handfeste Argumente. Das einzige Problem das im Raum stand war, dass ich nun mal eine Frau bin. Glücklicherweise fand er mit seiner Einstellung keine Freunde und wurde dann kurze Zeit später mit den Worten „Für Sexismus ist hier kein Raum!“ aufgefordert die Bar zu verlassen. Normalerweise lasse ich mich von solchen Situationen nicht aus der Bahn werfen. Nur war diese genannte Person jemand, mit welchem ich fast ein halbes Jahr zusammen auf der selben Baustelle gearbeitet habe. Teilweise sogar in gleichen Arbeitsteams und nie stand diese Thematik im Arbeitsalltag zur Debatte. Dieser Umstand liess mich dann doch kurz zweifeln. Umso schöner war jedoch der anschliessende Rückhalt meiner Meister und meiner anderen Arbeitskollegen, welche mich bestärkt haben und mir gezeigt haben, dass diese unangenehme Situation nur die Ausnahme ist.

Überwiegend waren doch die bestärkenden Situationen auf der Baustelle. Zum Beispiel als letztes Frühjahr die Tischler der Nachbarbaustelle bei uns vorbeiliefen, als wir gemütlich Frühstückten in einer grossen Runde. Einer der Tischler rief durch den Bauzaun, was ich denn hier arbeite. Ich entgegnete: „Zimmerin, wie man eigentlich offensichtlich sieht.“ Seine Reaktion zu meinen Arbeitskollegen: „Na, kann sie denn auch was? So als Mädchen auf dem Bau?“. Hinter mir war darauf ein riesiges Gebrülle: „Na klar!“, „Was denkst du denn?“, „Die hat mehr drauf, als wir alle zusammen!“

Als ich diesen Text begonnen habe zu schreiben, war ich mitten in meiner Ausbildung. Nun beende ich ihn als zweifache Gesellin. In meiner praktischen Zimmerer-Gesellenprüfung konnte ich auch endlich dem Prüfungsausschuss zeigen, was ich kann und was alles in mir steckt. Ich wurde belohnt mit 95 Punkten auf mein Werkstück und mit den Worten: „Immer wieder zeigst du, dass du eine hervorragende Handwerkerin bist.“ Meine einzige Arbeitskollegin in der Ausbildung schloss ihre Gesellenprüfung mit der Note 2 ab. Meine Meister waren sichtlich stolz auf uns.

Gutes Handwerk zu leisten hängt nicht vom Geschlecht ab. Nur schade, dass dieses Vorurteil nach wie vor so präsent ist und dass somit auch viele Mädchen zurückschrecken oder ihnen sogar offensichtlich abgeraten wird, eine Ausbildung in einem Bauberuf zu erlernen. Mein grosses Ziel ist es nun, den Meister in der Zimmerei abzuschliessen und zu meiner Ausbildungsstätte zurückzukehren, als Lehrperson der Fachpraxis und vorallem als erste Frau in dieser Stellung. Dies ist wohl meine Art des Protestes gegen den Sexismus in der Baubranche.

Mir geht es nicht darum, dass ich bevorzugt oder gar ablehnend behandelt werde, aufgrund meines Geschlechts. Mir geht es einzig und allein darum beurteilt zu werden, anhand meines Könnens und meiner Fertigkeiten. Nur das allein ist fair und gerecht. Geschlechterklischees werden von dieser Gesellschaft konstruiert und ausgelebt. Es ist eine Erfindung und kein reales Mass der Dinge. Es gibt keinen Grund, diese eingebildete Mauer nicht durchbrechen zu können und zu wollen. Es braucht mehr motivierte, junge Leute im Handwerk. Jedem soll diese Tür offen stehen und jeder soll nach seiner Fertigkeit gefördert werden. Geschlechterunabhängig.

k.fuchs

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