Sexismus in der Handwerksausbildung

Seit wir angefangen haben uns mit der Broschüre zu beschäftigen, möchten wir gerne eine Plattform aufbauen, auf der sich Frauen* über Sexismus auf dem Bau und die Anstrengungen dagegen austauschen können. Da wir in der Gruppe fast nur CIS*-Männer sind, haben wir nach Frauen* gesucht, die bereit sind über das Thema zu schreiben. Unsere Anstrengungen waren bisher nicht erfolgreich. Aber wir geben nicht auf, alleine schon weil wir immer wieder von anderen Auszubildenden gehört haben, dass sie sich gerne zu dem Thema austauschen würden. Wir dokumentieren unten nun unsere Anfrage (damals noch mit anderen Gruppennamen) an das Bauhandwerkerinnentreffen zum Thema und den Text einer Tischlerin, der vor einigen Jahren in dem Magazin „Outside the box“ erschien:

Liebe Genoss*innen vom Bauhandwerker*innen-Treffen,

wir, das Kollektiv HikHak, arbeiten nun schon seit etlichen Jahren an der Erstellung einer Website, in der es um das Empowerment von Auszubildenden im Bauhandwerk geht. Unsere Website ist thematisch in zwei Teile getrennt.

Im ersten Teil geben wir Tipps, wie am besten mit den neuen Situationen in der Ausbildung umgegangen werden kann. Dabei beziehen wir uns auf eigene Erfahrungen und auf Berichte von anderen Auszubildenden.  Wir wollen parteiisch im Sinne der Auszubildenden Erfahrungen aus Kämpfen in der Ausbildung sammeln, Rechte verständlich dokumentieren und beschreiben, wie Auszubildende diese durchsetzen konnten. Aber auch eigene Herangehensweisen an die Ausbildung schildern (z.B.Krankmachen, wenn alles zu viel ist, Durchhaltegedanken etc.).
Im zweiten Teil der Broschüre soll es um eine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung gehen: in welchem gesellschaftlichen Kontext arbeiten wir, wie können wir diesen eventuell verändern, was heisst es für das Kapital anderer zu arbeiten, aber auch welche Perspektiven gibt es nach der Ausbildung abseits der Lohnarbeit.

Je nach Kapazität und Lust sollen auch Themen, wie alternative Fähigkeitenvermittlung, Kollektivbetriebe, etc. behandelt werden. Wir verstehen die „Broschüre“ als eine ständig dynamische Website und lassen uns bei weiteren Themen Zeit und Raum.

Nun der Grund unseres Schreibens: Da unsere Gruppe sehr homogen ist und fast nur aus cis-Männern besteht, suchen wir Menschen mit einem anderem Background, die sich vorstellen können über Themen, wie Sexismus auf dem Bau, Behauptung im Betrieb, … zu schreiben.

Solltet ihr interessiert sein und wollt unser Projekt supporten, sei es durch Erfahrungsberichte, Texte, Gedichte, Illustrationen oder eine aktive Mitarbeit bei der Gruppe, würden wir uns freuen, wenn ihr euch bei uns meldet. Da wir unsere Broschüre online stellen wollen, reichen unsere Aufgabenbereiche weit über die bloße Produktion von Texten hinaus und auch da können wir Hilfe sehr gebrauchen. Konkret suchen wir nach Menschen, die bereit wären einen Aufruf zu verfassen, der um Erfahrungsberichte, etwa zum Thema „Sexismus in der Bauausbildung und was wir dagegen gemacht haben“ bittet. Auf Grundlage dieser Berichte soll dann ein Text (gerne mit Support von uns) entstehen, der Frauen* in der Bauausbildung und allgemein auf dem Bau empowert und auch im Rahmen unseres Projekts veröffentlicht wird.

Okay, also meldet euch bitte, wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt oder schickt uns auch gerne einfach Texte an: handwerk@riseup.net

Solidarische Grüße und viel Erfolg für euer Treffen,

Gruppe HikHak

Text aus der „Outside the box“ ! Mehr Texte und Analysen hier

Katharina, 31, hat mit 27 ihre Ausbildung angefangen und arbeitet seit kurzem als selbstständige Tischlerin. Hat ein abgeschlossenes Studium in Kulturwissenschaften.

Ich bin da so ein bisschen blauäugig reingegangen. Wenn ich mehr darüber nachgedacht hätte, was mich erwarten könnte, hätte ich die Ausbildung vielleicht gar nicht angefangen, wer weiß. Ich habe zeitweise in einer betriebsübergreifenden Ausbildungsstätte gelernt, da kommen eigentlich die Leute hin, die keinen Ausbildungsbetrieb gefunden haben. Das ist dann ein Haufen bunt zusammengewürfelter 16- bis 20jähriger, zumeist männlicher Jugendlicher, von denen viele auch vom Amt dorthin gezwungen worden sind. Da herrscht ein krasser Umgangston, ein krasses Klima.

Ich hatte schnell einen Exotenstatus: war mit Abstand die Älteste, eine Frau, studiert, lesbisch, mit einem russischen Nachnamen. Dass ich meistens allein war, hatte aber auch viel damit zu tun, dass ich einfach kein Interesse an denen hatte, an deren Gesprächsthemen. Ich hab mich dann in der Mittagspause nicht dorthin gestellt, wo alle rauchen, sondern lieber mein Buch gelesen. Wenn man sich auf den Tonfall, der dort herrscht, einlässt, dann kann man da auch als Frau Anschluss finden. Wichtiger ist die gemeinsame Sicht der Dinge. Aber ich hatte eben nicht viel mit denen gemeinsam.

So eine Ausbildung ist für jeden eine harte Angelegenheit. Du bist immer der Arsch, du kannst nix, hast Angst, wirst unter Druck gesetzt von den Eltern, dem Meister, dem Arbeitsamt. Jugendliche müsse man treten, denn die seien faul, doof und ständig am Komasaufen – das ist die allgemeine Ansicht, die da herrscht. Und das bestätigt sich dann natürlich auch immer wieder. Einmal hieß es morgens, der Soundso hat sich umgebracht – und da wurde dann ganz normal weiter gearbeitet, als wäre nichts gewesen. Das ist in den drei Jahren meiner Ausbildung zweimal passiert.

Direkte Anfeindungen habe ich wenig erlebt. Aber wie die so reden über Frauen, vor deinen Augen und Ohren, das hat mich schon erschreckt. Das ist eigentlich das Ekelhafteste.

Ich bin viel gefördert worden. Wenn die merken, dass man ehrgeizig ist, dass man wirklich was lernen will, dann bekommt man auch Unterstützung. Mir wurden Aufgaben übertragen, da haben andere nur von träumen können. Und trotzdem habe ich mir von dem gleichen Meister, der mich so gefördert hat, mehrmals anhören müssen: Du hast als Frau doch eh keine Chance. Manche Meister haben keine Lust, mit Frauen zu arbeiten, weil man bei denen mehr mit anpacken muss. Ich hab das schon beobachtet, dass selbst die Jungs, die nicht viel größer und breiter waren als ich, mehr Kraft hatten. Ich kann nicht dauernd Fenster heben, die 180 Kilo wiegen, ich frage dann eben um Hilfe. Aber auch bei Männern ist nach 20 Jahren der Rücken kaputt. Viele arbeiten nur bis 50 ausführend in diesem Beruf.

Es gibt zu wenige Frauen, die Meisterin sind und ausbilden können. Letztlich funktioniert das wie in der Musikbranche: Die Typen buchen Typen, weil sie mit denen einfach gerne rumhängen, weil die Gesprächsthemen stimmen oder sie eh Kumpels sind. Das sind Netzwerke, und so läuft das auch im Handwerk. Viele Frauen ziehen sich nach der Ausbildung eher in Nischen zurück, machen sich selbstständig. Dadurch haben Mädchen – und auch Jungs – kaum die Chance, bei einer Frau zu lernen.

Für den einen war ich immer nur „das Fräulein“ und der hat mich auch nie anders angesprochen. Den Spruch „Für ein Mädchen gar nicht so schlecht“ habe ich aber nie zu hören bekommen. Vielleicht sind Frauen, die so eine Ausbildung machen, auch einfach ehrgeiziger – wir waren jedenfalls alle ziemlich gut. Auch die Jahrgangsbeste war eine Frau, und die hat mich irgendwann mal gefragt: „Sag mal, fühlst du dich eigentlich diskriminiert? Also ich gar nicht.“ Da dachte ich schon, okay, das ist auch eine Art Selbstschutz, diesen Sexismus, der da natürlich herrschte, nicht an sich ran zu lassen. Bestimmte Dinge einfach gar nicht als Sexismus oder Diskriminierung wahrzunehmen. Schließlich will man arbeiten, will mit den Leuten, mit denen man einen großen Teil seines Lebens verbringt, einigermaßen gut klarkommen und denen nicht dauernd den Spaß verderben, indem man ihnen Kontra gibt.

Aber natürlich muss man das ab und zu mal machen. In meinem Betrieb, der eigentlich ein eher netter, alternativer Betrieb ist, haben sich die Leute eine Zeit lang zum Spaß gegenseitig „Muschi“ genannt. Ich hab ihnen dann versucht klarzumachen, dass dieses Wort, wenn sie es als Schimpfwort benutzen, mit Schwäche konnotiert ist und dass ich das Scheiße finde. Seitdem haben sie zumindest vor mir damit aufgehört.

Ich habe schon gemerkt, dass ich mich verändert habe durch diese Arbeit. Man lernt andere mundtot zu machen durch den richtigen Spruch zur richtigen Zeit. Du musst dir nur abgucken, wie die so miteinander reden, musst die Schwächen der anderen Person rausfinden, und genau da dann einen Spruch reindrücken. Klar, das hat mir schon auch mal Leid getan, wenn ich gemerkt habe, dass ich damit jemanden wirklich verletzt habe. Aber ich muss mir den Scheiß, den die so reden, ja auch anhören. Obwohl: man kann auch im Werkraum Lärmschutzkopfhörer tragen. Wenn man in ein geschlossenes System reinkommt, dann passt man sich dem in einem gewissen Maße an, egal, wie sehr man darüber reflektiert, egal, wie kritisch man das sieht. Man wird härter mit sich und mit anderen.

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