Das Handwerk, der Sexismus und ich

Entweder braucht mein ein dickes Fell oder einen ziemlich schrägen Sinn für Humor.
Das ist ein wichtiger Punkt, den ich ziemlich schnell auf dem Bau lernen musste.

Ich, ganz offensichtlich weiblich, 25 Jahre, lerne nun in meiner zweiten Ausbildung das Handwerk des Zimmermanns. Besser gesagt: Das Handwerk der Zimmerin.

In meiner ersten Ausbildung lernte ich Tischlerin. Da mir aber auf Dauer das ständige Arbeiten in der Werkstatt nichts war und ich aber trotzdem den Werkstoff Holz nicht missen wollte, wurde für mich der Beruf der Zimmerin immer interessanter. So entschied ich mich diesen Beruf zu erlernen und bereue diese Entscheidung keinen Tag. Zu meinem Glück wurde ich auch einem Meister zugeteilt, welcher jeden Auszubildenden als eigenes Individuum beurteilt und ihn auch nach seinen Fähigkeiten einteilt und dies zimlich unabhängig vom Geschlecht.
Meine Stärken sind nun mal nicht, stundenlang Platten von A nach B zu tragen, sondern kleinere Arbeiten sorgfältig, fachlich korrekt und mit grosser Verantwortung auszuführen. Was ich nicht in den Armen habe, mache ich irgendwie mit meinem Köpfchen und meinem Feingefühl wet.

Ich kam zudem in eine Klasse, welche sehr bunt ist. Sexismus oder Rassismus gibt es kaum bei uns. Viele Jungs waren sogar froh, dass noch ein zweites Mädchen in ihre Klasse dazukam. Gemischte Gruppen sind nunmal einfach ausgewogener und friedlicher.
Zu Anfang gab es schon die ein oder anderen altbekannten Sprüche oder auch herabwürdigenden Wortlaute, welche so nebenbei gesagt wurden. (z.B.: „du Schwuchtel“ oder „Sei keine Pussy!“) Doch ich bin ein Mensch, welcher sehr schnell seine Mitmenschen aufmerksam macht darauf, wie gesagtes wirken kann.
Ich führte scherzhaft die „Sexismus-Polizei“ ein. Zu jeder Pause im Bauwagen schlug ich bei jedem noch so kleinen sexistischen Spruch Alarm. Nach einiger Zeit verschwanden die Sprüche und die Jungs auf meiner Baustelle fingen sogar an, sich untereinander auf ihre Wortlaute aufmerksam zu machen. Nie hätte ich gedacht, dass dies so eine nachhaltige Wirkung hat. Ich meine, ich habe nichts weiter getan, als die Jungs humorvoll aufmerksam und ihnen bewusst zu machen, wie sie ihre Worte verwenden.
Viele meiner Klassenkameraden waren auch der Meinung, dass nur weil es schon immer so auf dem Bau lief, muss es noch lange nicht bedeuten, dass dies auch so weitergetragen werden muss. Muss es nämlich keinesfalls. Und darf es meiner Meinung nach auch nicht.

Als Frau hat man irgendwie auch immer wieder das Problem, sich erst mal beweisen zu müssen. Irgendwie diesen „Nachteil“,eine Frau zu sein, auszugleichen. Wenn eine Arbeit mal nicht sachgemäß ausgeführt ist oder es dem Meister wiedermal zu langsam voran geht, wird einem oft genau dieser „Nachteil“ vorgehalten. Man fühlt sich ständig in der Pflicht genau so gut, wenn nicht sogar besser als seine männlichen Kollegen zu arbeiten, um Anerkennung zu bekommen.
Bei vielen Kommentaren, welche ich abkriege, stelle ich mir auch die Frage: „Hätte ich auch diese Art der Kritik erhalten, wenn ich ein Junge wäre?“ Wohl kaum. Da es oft Sprüche und Sätze sind, die nun mal tatsächlicher Umgangston zu sein scheinen. Wortlaute die man wohl in seiner Ausbildung als junger Mann mit angelernt bekommt. Der altbekannte „Ton auf dem Bau“, bei dem viele Handwerker sagen: „Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Ist nun mal so.“
„Okay…“ , dachte ich mir, „Wenn die Sprüche klopfen wollen, mach ich das nun auch.“
Denn was viele nicht erwarten ist, dass sie Gegenwind bekommen. Und das von einem Mädchen auf der Baustelle. Sehr zur Unterhaltung meinerseits.
Als Beispiel: Wenn mir ein Mann Vortritt bei einer Tür gewähren will, entgegne ich oft: „Nein, bitte Sie zuerst. Alter vor Schönheit.“
Durch meine Schnauze, die immer mehr gewachsen war durch den täglichen Umgang, verstummten bald die Kommentare. Und ehrlich gesagt: Den Kopf einzuziehen war auch noch nie eine Alternative für mich.

Zu wirklichen Auseinandersetzungen kam es nie wirklich, bis zur letzten Weihnachtsfeier.
Bei der Feier, bei welcher man eigentlich gemütlich zusammen das Arbeitsjahr ausklingen lassen will und sich auf den Urlaub freut, wurde ich mehrfach sexistisch angegriffen und dies ohne klaren Vorwand und ohne handfeste Argumente. Das einzige Problem das im Raum stand war, dass ich nun mal eine Frau bin. Glücklicherweise fand er mit seiner Einstellung keine Freunde und wurde dann kurze Zeit später mit den Worten „Für Sexismus ist hier kein Raum!“ aufgefordert die Bar zu verlassen.
Normalerweise lasse ich mich von solchen Situationen nicht aus der Bahn werfen. Nur war diese genannte Person jemand, mit welchem ich fast ein halbes Jahr zusammen auf der selben Baustelle gearbeitet habe. Teilweise sogar in gleichen Arbeitsteams und nie stand diese Thematik im Arbeitsalltag zur Debatte. Dieser Umstand liess mich dann doch kurz zweifeln.
Umso schöner war jedoch der anschliessende Rückhalt meiner Meister und meiner anderen Arbeitskollegen, welche mich bestärkt haben und mir gezeigt haben, dass diese unangenehme Situation nur die Ausnahme ist.

Überwiegend waren doch die bestärkenden Situationen auf der Baustelle.
Zum Beispiel als letztes Frühjahr die Tischler der Nachbarbaustelle bei uns vorbeiliefen, als wir gemütlich Frühstückten in einer grossen Runde. Einer der Tischler rief durch den Bauzaun, was ich denn hier arbeite. Ich entgegnete: „Zimmerin, wie man eigentlich offensichtlich sieht.“
Seine Reaktion zu meinen Arbeitskollegen: „Na, kann sie denn auch was? So als Mädchen auf dem Bau?“. Hinter mir war darauf ein riesiges Gebrülle: „Na klar!“, „Was denkst du denn?“, „Die hat mehr drauf, als wir alle zusammen!“

Als ich diesen Text begonnen habe zu schreiben, war ich mitten in meiner Ausbildung. Nun beende ich ihn als zweifache Gesellin. In meiner praktischen Zimmerer-Gesellenprüfung konnte ich auch endlich dem Prüfungsausschuss zeigen, was ich kann und was alles in mir steckt. Ich wurde belohnt mit 95 Punkten auf mein Werkstück und mit den Worten: „Immer wieder zeigst du, dass du eine hervorragende Handwerkerin bist.“
Meine einzige Arbeitskollegin in der Ausbildung schloss ihre Gesellenprüfung mit der Note 2 ab. Meine Meister waren sichtlich stolz auf uns.

Gutes Handwerk zu leisten hängt nicht vom Geschlecht ab. Nur schade, dass dieses Vorurteil nach wie vor so präsent ist und dass somit auch viele Mädchen zurückschrecken oder ihnen sogar offensichtlich abgeraten wird, eine Ausbildung in einem Bauberuf zu erlernen.
Mein grosses Ziel ist es nun, den Meister in der Zimmerei abzuschliessen und zu meiner Ausbildungsstätte zurückzukehren, als Lehrperson der Fachpraxis und vorallem als erste Frau in dieser Stellung.
Dies ist wohl meine Art des Protestes gegen den Sexismus in der Baubranche.

Mir geht es nicht darum, dass ich bevorzugt oder gar ablehnend behandelt werde, aufgrund meines Geschlechts. Mir geht es einzig und allein darum beurteilt zu werden, anhand meines Könnens und meiner Fertigkeiten. Nur das allein ist fair und gerecht.
Geschlechterklischees werden von dieser Gesellschaft konstruiert und ausgelebt. Es ist eine Erfindung und kein reales Mass der Dinge. Es gibt keinen Grund, diese eingebildete Mauer nicht durchbrechen zu können und zu wollen.
Es braucht mehr motivierte, junge Leute im Handwerk. Jedem soll diese Tür offen stehen und jeder soll nach seiner Fertigkeit gefördert werden. Geschlechterunabhängig.

k.fuchs

Falls es euch ähnlich auf den Baustellen ergangen ist oder Ihr andere Erfahrungen gemacht habt. Kommentiert gerne diesen Text oder schreibt uns eine Mail. Wir bedanken uns für diesen ausführlichen Erfahrungsbericht.

eure anstiften Crew

1 Kommentar

  1. Max sagt:

    Ich persönlich habe in meinem Leben viele starke Frauen kennen lernen dürfen die mich staunen ließen. Es begann schon bei mir im Alter von 6 Jahren wo ich in ein Karateverein ging und ich eine Trainerin hatte. So früh lernte ich also schon das Geschlecht egal ist und dieser Gedanke ist für mich zur Normalität übergegangen.

    Chapeau an K.Fuchs an dieser Stelle und ihr Arrangement in allen Ehren sich auf dem Bau erfolgreich durchgebissen zu haben.

    GRÜßE MAX :0

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